Johnny rannte weiter, während sich seine Antwort ungesagt zurück in seinen Kopf presste. Ein irrwitziges schrilles Geräusch fuhr durch sein malträtiertes Gehirn und er war sich sicher, dass nun alles aus sein würde. Es nahm kein Ende. Immer und immer wieder dieses nervtötende Geräusch. Dann vernahm er einen Knall und er stand in einer menschenleeren Einöde. Wieder knallte es. Wieder eine Stimme. »Mach die Tür auf. Ich weiß, dass du da bist.« Johnny schreckte hoch und starrte in Richtung Tür; immer noch in seinem nächtlichen Erlebnis gefangen. »Hallo?« Er wunderte sich, seine Stimme zu vernehmen. »Johnny. Ich bins. Nun mach schon auf.« Langsam gelangte er zur Erkenntnis, dass er die Stimme von Marie vernahm. Langsam gelangte er in die Realität zurück, war sich allerdings nicht ganz sicher, ob diese nicht noch fataler sein würde.
»Ja. Moment. Ich mach' auf.« Johnnys gestresster Zustand ließ noch keine allzu schnellen Bewegungen zu. Langsam ging er zur Tür und öffnete. »Hi Johnny. Was ist los?« »Was soll los sein? Ich habe schlecht geschlafen. Du hast mich geweckt.« »Na, dann sei doch froh. Darf ich rein oder willst du weiter blöd in der Tür stehen?« Wortlos gab er ihr den Weg frei und Marie stolzierte an ihm vorbei und setzte sich an den Tisch. »Wir müssen reden. Jetzt.« Johnny verspürte eine intensive Abneigung bei dem Gedanken an ein ernsthaftes Gespräch mit ihr. »Über was möchtest du denn reden?« »Gleich. Ich möchte erst ein Glas Wein.« »So früh?« »Johnny, es ist Nachmittag.« Fassungslos starrte er sie an. Zwei Termine verpasst, mies geschlafen und jetzt das hier. »Oh. Ach, es war spät gestern.« »Ah so. Wie hieß sie?« »Was soll das jetzt wieder? Frag ich dich danach, was du treibst?« »Schon ok. Also?« »Ida.« »Fein. Ich hoffe, es hat sich gelohnt. Immerhin hast du dich nicht wieder auf Stefanie gelegt.« »Ach. Sonst keine Sorgen?« »Na doch. Aber. Erst den Wein. Bitte!« Johnny ging zum Buffet, zog eine Flasche auf und schenkte ihr ein. »Du nicht?« »Nein. Ich brauche einen Kaffee.« »Wie du meinst ...« Johnny wählte den Automaten. Bloß nichts Kompliziertes jetzt. Langsam lief der Kaffee in die Tasse und mit dem Füllstand wuchs auch seine Hoffnung, dass es nicht ganz so schlimm werden würde.
Johnny setzte sich und sah Marie fragend an. »Geht es jetzt um Nisha, Liebe, Stefanie, dich, mich? Um was?« »Warum so ungehobelt, Johnny?« »Sorry, mies geträumt.« Marie lächelte dünn. »Bei deinem Lebenswandel kein Wunder.« »Ach ja. Und wie träumt die feine Dame dann? Besser?« »Vielleicht. Vielleicht auch nur kürzer und damit verträglicher.« Johnny wurde langsam ungeduldig. Er fühlte sich nicht fit genug, um sich auf ewiges herumlavieren einzulassen und startete einen neuen Versuch. »Ok, Marie. Ich bin wirklich ein wenig daneben. Um was geht es also?« »Wo hast du Ida her? Im Netz gefischt?« Johnny sah sie an. »Schon gut. Ich ziehe die Frage zurück.« »Danke. Aber damit du nicht unwissend bleibst; ich habe sie in der Bar um die Ecke kennengelernt und es war sehr charmant.« Johnny bemerkte, wie sich Maries Haltung änderte, was ihn beunruhigte. »Warum wirst du eigentlich immer so beschissen, wenn ich versuche, mich dir wieder zu nähern?« Der Zorn in Maries Stimme erschreckte ihn. »Gemach. Du hattest doch gefragt.« »Kein Grund für derlei Lob.« »Um was geht es dir jetzt eigentlich?« Johnny versuchte es weiter und Marie trank einen Schluck, während sie ihn über den Glasrand hinweg beäugte. »Ich will Bilder. Du machst sie.« Johnny hatte mit allen möglichen Wünschen gerechnet. Mit diesem nicht. In der Vergangenheit hatte er sie ab und an fotografiert, was meistens damit endete, dass sie es trieben. Das Exhibitionistische kickte sie und ihm hatte es gefallen. »Sag das doch gleich. Warum so kompliziert?« »Weil es kompliziert ist.« Marie trank einen weiteren Schluck und zog eine Augenbraue hoch. Johnny kannte diese Reaktion sehr gut und wusste sofort, dass es wirklich kompliziert werden würde.
Marie stellte ihr Glas ab und Johnny kippte den Rest Kaffee herunter. »Na, dann klär mich mal auf.« Marie lachte; wohl auch, um die verfahrene Situation aufzulockern. »Ich habe da jemanden.« »Keine Neuigkeit. Du hast doch immer mal eine ...« »Kein Mädchen. Einen Typen.«, unterbrach sie Johnny, der aufhorchte. »Ach guck.« »Soll ich eure Hochzeit fotografieren?« »Spinner. Nein. Er ist nur eine Gelegenheit, die ich mir nehme. Du bist ja nicht bereit, kleiner Abenteurer.« »Bereit zu was?« Johnny sank ein Stück in sich zusammen. Trotz tröpfchenweiser Antworten wurde es nicht wirklich besser. »Darüber reden wir irgendwann mal. Nicht jetzt. Jetzt geht es ... egal.« »Ok. Was willst du?« »Ich will Bilder von mir und ihm.« »Das sagtest du bereits. Was ist das Thema? Wieder mal Mode? 70er Jeans, wie vor ein paar Monaten?« »Nein.« Johnny bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Marie!« »Ich will, dass du fotografierst, wie er mich fickt. Ich will solche Bilder. Ich will Bilder, auf denen ich gefickt werde. So. Jetzt weißt du, was ich will. Und?«
Johnny begann schlagartig, sein Sekundär-Hobby zu verfluchen. »Warum ich?« »Weil ich dir trotz allem vertraue.« »Danke. Es ist dennoch seltsam. Wer ist er?« »Spielt keine Rolle. Du musst nichts über ihn wissen. Ich weiß auch nur wenig, aber er ist gut dafür geeignet. Mir geht es nicht um ihn. Mir geht es um mich.« In Johnnys Kopf tauchte der kleine behaarte Mann aus seinem Traum auf und lächelte ihn an. Hätte er gekonnt, hätte er ihn in diesem Moment enthauptet. Aber wie soll das mit Traumgestalten gehen. »Das kam jetzt ein wenig plötzlich. Ich überlegs mir.« »Lass dir nicht zuviel Zeit. Das kannst du ruhig für mich tun. Und falls es dich beruhigt; er ist clean.« Johnny war sich unschlüssig, ob ihn das nun beruhigen oder beunruhigen sollte. Er kannte ihre Vorlieben nur zu gut und so langsam kam ihm der haarige Mann im Traum verdächtig vor. Kurz überlegte Johnny, ob er über seherische Fähigkeiten verfügen würde, brach den Gedanken dann aber lachend ab. »Was ist jetzt so witzig?« »Sorry. Das galt nicht dir.« »Gut. Also?« »Wie ich bereits sagte; ich überlegs mir. Ich habe kein besonders gutes Gefühl dabei und weiß nicht, wie ich reagieren werde.« »Oh, der feine Herr ist eifersüchtig.« »Bedingt; ja.« »Das steht dir nicht zu. In einem Freizeitkollektiv hat das nichts zu suchen.« Die Spitze saß. Johnny merkte, wie sich die Schlinge zuzog, die er selbst gelegt hatte. »Ich brauche noch einen Kaffee.« Johnny stand auf und ging zum Automaten. »Wein.« »Nein. Ich bleibe bei Kaffee.« »Ich meine auch mich. Ich will noch ein Glas.« Johnny schenkte ihr nach und in seinen Gedanken floss Sperma aus der Flasche. Da waren sie also angekommen.
Schweigen. Marie trank einen großen Schluck Wein, Johnny nippte am Kaffee. Er dachte an ihre Anfänge und daran, wie es sich entwickelt hatte. Oft hatte er sich Gedanken um Bekannte gemacht, die er beobachtete, wie sie sich immer weiter selbst überforderten, indem sie ihre Begierden unterschätzten. Hüte dich vor deinen Wünschen, dachte er oft bei sich, verstand es aber selbst nicht, sich daran zu halten. Jetzt hatte er die Situation selbst soweit eskaliert, dass er vor einer Situation stand, aus der es keinen Ausweg gab; jedenfalls keinen, der irgendwie »gerecht« gewesen wäre. Vor ihm tat sich ein Trümmerfeld aus überbewerteten Belanglosigkeiten auf. Johnny sah Marie an. »Warum sagst du nichts?« »Ich habe nachgedacht.« »Über was?« »Ob es richtig ist, was wir tun und wie.« Marie zwinkerte ihm über das Glas zu. »Das fragst du dich ehrlich? Jetzt? Warum?« »Weil mir ...« »Weil es ein Typ ist und keine Frau?« »Nein. Das könnte ich als Porno-Shooting sehen, was es ja auch ist.« »Vorsicht.« »Warum? So hast du es beschrieben.« »Nein, habe ich nicht. Davon war keine Rede. Aber das verstehst du vermutlich ohnehin nicht. Ich finde die Idee übrigens sogar niedlich.« »Ach. Nicht ein klein wenig sonderbar, wenn ich das fotografiere? Also ausgerechnet ich?« »Im Gegenteil. Und zudem wissen wir ja nicht, was passieren wird.« »Abwarten.« »Ja genau. Abwarten.« Marie blickte ihn an und dachte kurz nach. »Ich mach was mit Nisha.« In Johnnys Kopf wirbelte sein Gehirn herum und starrte auf Marie. »Was?« »Wir nehmen sie mit dazu und bauen sie mit ein. Sie gefällt dir doch. Deal?« »Und das nach diesem gescheiterten Date?« »Ja oder nein?« »Gut. Wir versuchen es. Allerdings nur dann, wenn alle jederzeit abbrechen können. Kein Durchziehen.« »Ist klar. War von vornherein klar.« Marie nickte und stand auf.
»Es ist gut, dass wir uns geeinigt haben.« Johnny war sich dessen noch nicht ganz sicher. Aus derlei Einigungen ergaben sich immer wieder neue Fragen. Allerdings jene, die man nur sich selbst stellen konnte; jedoch nur selten befriedigend beantworten. »Gehst du?« Marie stand neben dem Tisch und nippte an ihrem Wein. »Warum sollte ich? Nein. Oder soll ich?« »Nicht unbedingt. Wollen wir was unternehmen?« Johnny wollte raus, die festgefahrenen Gedanken wegpacken. »Nein.« Marie kam um den Tisch herum und setzte sich drauf. Langsam zog sie ihr Kleid und die Beine hoch. »Ich will Sex.« Marie ließ sich nach hinten fallen. »Leck mich ein wenig.« Johnny schaffte es nicht, sich dem zu entziehen. Kurz vergaß er das bisherige Gespräch. Es kam wieder. Bilder schossen durch seinen Kopf, eingebettet in ein Potpourri aus Pro und Contra. Er stand auf und begann, sie zu stoßen. Marie gab sich völlig hin. Er hätte nur zu gern um ihre Gedanken in diesem Moment gewusst. »Warte.« Marie richtete sich auf, schob ihn ein Stück weg und kam vom Tisch runter und ging in die Hocke. »Gib ihn mir.« Johnny kam nach wenigen Augenblicken in ihrem Mund und wankte. Marie sah auf und lächelte ihn an. »Du gehörst mir.«, raunte sie leise. Johnny hörte es nicht. Von draußen vernahm er ein mehrmaliges Hupen. Marie stand auf. »Ich muss los. Bis dann. Ich melde mich wegen ... du weißt schon.« Marie lächelte noch kurz, drehte sich um und eilte heraus. Johnny stand immer noch am Tisch, als die Tür zufiel; unfähig, sich zu bewegen.
Sans fin?