Die Ego-Safari nahm ihren Lauf. Johnny starrte auf den Monitor und scrollte durch die ewig gleiche Mischung aus Selbstdarstellung, Hilfeschrei und dümmlicher Selbstvermarktung. Seine sonstigen Aktivitäten im Netz hatten dafür gesorgt, dass das, was er geboten bekam, vorhersehbar war. Die Algorithmen lieferten zuverlässig schlecht. Chinalisa, ein dürres Mädchen mit offenkundigem Hang zu asiatischer Kultur, wie man sie aus Ramschläden kennt, bietet ihren Körper in zu knapper Wäsche feil; wenigstens weichgezeichnet. Eine Kachel weiter Kung-Fu-Weisheiten samt Prügelei. Bilder von Städten, betextet mit Halbsinnvollem. Wieder eine, die ihre Haut anbietet - in peinlich frühreifer Pose; einfach, um überhaupt zu sein. Mit welchem Ziel eigentlich? »Wusstest du schon, dass dieser Stromvertrag geheim bleiben sollte?«, plärrt eine Mädchenstimme aus den Boxen. Ton aus. Einen halben Meter weiter präsentiert man mal wieder den Nachwuchs. Jedes Mittel ist erlaubt, um ein wenig Aufmerksamkeit zu erheischen, bemerkt zu werden. Immerhin – Musik. Auch hier; eingepackt in Porno-Ästhetik. Weiter. Mädchen auf Treppe tut so, als würde sie nachdenken. Warum? Immerhin kann sie Treppen steigen. Basiskompetenzen. Und weiter geht die Fleischbeschau; durchbrochen von ein wenig Krieg, Terror und anderem Ungemach. Dann das unvermeidliche Tattoo-Model. Immerhin hat sie wenigstens das geschafft. Mehr wird es nicht werden; vermutlich. Menschen als Ramsch-Ware; viele Monitormeter voll. »Ich bin. So glaub es doch.«, schreit aus fast jedem Beitrag. Johnny spürte, wie ihn die Show noch mehr zu frustrieren begann. Und jetzt auch hoch Date- und Beziehungs-Tipps. Johnny reichte es und er klappte den Rechner zu. Das jetzt nun wirklich nicht.
Es war still in Johnnys Lebensraum. Als jemand, der alleine lebte, hatte er seine Wohnung entsprechend strukturiert. Ein Schlafzimmer und ein Wohnraum, indem sich der gesamte Rest abspielte; inklusive Job und weiterer Interessen. Ein Tisch, Stühle, ein Sofa, ein Buffet, ein Schreibtisch, Regale, Schwerlastösen in drei Metern Höhe und die Anlage. Es war zu still. Johnny legte eine Platte auf. Die Stille hielt er nicht aus. »I’m flying high on something beautiful and aimless, it’s got a name but I prefer to call it nameless. It comes and goes leaves me on a bed of splinters, feels like I’m living in a town closed down for winter.« Terry Hall; genau richtig, wenn man sich beschissen fühlt, dachte er. Es würde dann noch schlimmer werden. Aber nur kurz, um dann vorbei zu sein. »Our lips are sealed« Johnny kam der Gedanke daran, wie jung und neugierig er war, als er derlei hörte. Jetzt war er Mitte 40, in einer kaputten Beziehung und Terry war tot. Immerhin hatte man man ihm gedacht. Ihn würden sie einfach vergessen. Eine ganz nette Figur weniger im Erlebnissetzkasten. Sie würde dennoch leicht zu ersetzen sein und Spuren würden keine bleiben. »It's like a crystal ...« Eine neue Ordnung würde er brauchen, wieder mehr Klarheit in jeder Beziehung. Johnny sah sich um. Er würde direkt damit beginnen.
Mitten im Raum und an der Wand war Platz. Sein Blick fiel auf die Ösen. Von Zeit zu Zeit hatte er dort Menschen befestigt. Er mochte die Ästhetik, die Beschäftigung mit Körpern und er hielt sie fest. Dabei achtete er stets darauf, die nötige Distanz zu wahren, soweit möglich. Es sei denn, es war anders gewüscht und man kannte sich gut genug für mehr. Aber selbst dann, wurde ihm bewusst, liefen zwei Filme zu gleicher Zeit, die wohl kaum hätten unterschiedlicher sein können. Ein Gefühl der Erniedrigung überkam ihn. Sie mussten weg. Johnny nahm sich die Leiter, stieg hoch und drehte die Ösen aus der Wand. Mit jeder Umdrehung fühlte er sich ein Stück befreiter. Die im Schlafzimmer würde er später ebenfalls entfernen. Was er erst anbinden musste, wollte er nicht mehr haben. Johnny stieg herunter und blickte sich weiter um. Wie er auch, musste alles an einen anderen Ort. Es konnte so nicht bleiben; nichts durfte so bleiben.
Johnny begann, die Regale auszuräumen und den Inhalt in der Raummitte zu stapeln. Danach war der Schreibtisch dran. Das Mobiliar ließ sich zum Glück leicht von den Wänden abrücken. Lediglich die Anlage blieb vorerst dort, wo sie war. Er brauchte Musik. Es war sonst zu still. Die Stille hätte er nicht ertragen. Also weiter mit dem Soundtrack längst vergangener Zeiten. »Unter dem blauen Mond sah ich dich. So bald wirst du mich in deine Arme nehmen. Zu spät um dich anzuflehen. Oder um es abzubrechen, obwohl ich weiß, dass es sein müsste. Die tödliche Zeit, die mir so widerwillig gehört.« Durch Johnnys Kopf schwebten Bilder unscharfer Gesichter, die nach und nach in Flammen aufgingen. Er hatte es immer bis zum Ende ausgehalten, weil er es stets verpasst hatte. Dafür hatte er die vorübergehende gemeinsame Welt mit Glitzer aus guten Ratschlägen gefüllt und ihn sich bis zur Erblindung selbst in die Augen gerieben. Das Ergebnis waren Teilexistenzen, die nicht zusammenpassen wollten, an denen man sich jedoch gern bediente, weil jede ein Stückchen Hoffnung auf Erfüllung eigener Bedürfnisse versprach. Er hatte sich jede Freiheit genommen und sich ein Gefängnis daraus erschaffen. Johnny schreckte auf. Er würde die Wände streichen müssen.
Dort, wo das Mobiliar an der Wand gestanden hatte, waren die Wände vergilbt. Nach all den Jahren mit diversen Partys in seiner Wohnung kein Wunder. Johnny starrte auf das Chaos aus Stapeln, Stühlen und Möbeln in der Raummitte und fluchte. Eigentlich hatte er keine große Lust, das Haus zu verlassen. Es musste sein. Eilig zog er sich eine Jacke über und verließ die Wohnung. Er hatte es nicht weit. Der Laden am Ende der Straße hatte Wandfarbe im Angebot; wie immer zu dieser Jahreszeit. Offenbar renovierte in diesem Monat das halbe Land. Johnny kam es entgegen, ersparte er sich doch so den Weg in den Baumarkt. Mit zwei Eimern weißer Wandfarbe kam er zurück. Den Rest, den er brauchte, hatte er noch in der Kammer. Er bemerkte, dass er sogar Lust bekam, die Wände zu weißen, obwohl er derlei im Normalfall überhaupt nicht mochte. Die Farbe roch frisch. Sie würde den Gestank der vergangenen Jahre vertreiben helfen. Johnny begann, die Farbe an die Wand zu bringen. Mit jedem Meter verbesserte sich seine Laune. Das er sich selbst auch ein wenig weißte, störte ihn nicht. Wände wie ein leeres Blatt Papier. Eines, dass er neu beschreiben würde; mit sich.
444. Johnny war nicht mehr nach Texten. Es passte besser zur Situation. Er strich weiter. Nachdem zwei Wände weiß erstrahlten, setzte er sich, betrachtete sein Werk und ertappte sich dabei, wie er an Marie dachte. Ihr letztes Gespräch fiel ihm wieder ein. Er musste auch Marie wegräumen. Auch sie musste gehen. Vielleicht würde er es ihr erlauben, vorbeizuschauen - irgendwann. Dann würde es sich zeigen. Dann würde sich zeigen, ob da wirklich etwas war. Dann würde sich zeigen, ob jemals etwas sein kann. Er musste sich neu entscheiden und ihm wurde klar, dass es kein Dazwischen geben konnte. Diesmal nicht. Nur noch ein Freundschaftsdienst. Johnny griff zum Telefon. Am anderen Ende wurde abgenommen. »Hi Johnny. Wie komme ich zu der Ehre?« Senna und Johnny hatten länger keinen Kontakt gehabt. Sie brauchten ihn auch nicht allzu oft. Dafür waren die Gespräche gut, wenn sie stattfanden. »Hi Senna. Ich habe eine Bitte.« »Oh, so ernst. Was ist los?« »Ich möchte einen Termin für Marie bei dir machen.« »Warum das?« Senna wusste, dass Johnny selbst fotografierte. Er hatte sie auch schon portraitiert. »Marie möchte gediegene Bilder. Sie möchte Bilder, auf denen sie Sex hat.« »Hui. Dann seh' ich dich ja mal in Aktion. Zugegeben; der Gedanke fühlt sich komisch an.« »Nein, nicht mit mir.« Stille am anderen Ende. »Äh. Ich dachte, ihr ....« »Sie hat da einen Typen, mit dem sie das machen will.« »Also seid ihr nicht mehr zusammen?« »Waren wir das je?« »Dazu mehr, wenn wir uns sehen. Nicht am Telefon.« »Ok. Gern. Also - machst du es?« »Na gut. Nicht gern, aber weil du es bist. Sag ihr, sie soll mich anrufen. Dann machen wir einen Termin aus.« »Ich danke dir. Ich melde mich die Tage für ein Kaffee-Date. Dann reden wir.« »Gut. Bis dann, Johnny.« Johnny legte auf, sah die weißen Wände an und nickte. Gut.
Noch ein letzter Freundschaftsdienst. Johnny setzte sich an den Rechner und öffnete das Mailprogramm. Er hatte Marie ewig keine Mails mehr geschrieben. Im Regelfall sprachen sie direkt, über Kurznachrichten oder sie stand einfach in der Tür. Er verfasste eine kurze Mail darüber, dass Senna den Job übernehmen würde und sie sie anrufen solle, endete mit einem schlichten Adieu. Neue Platte für die nächsten Wände.
Cause love is noise, love is pain
Love is these blues that I'm singing again