Johnny bereitete sich einen Kaffee. Zuerst wollte er sich um die neue Anordnung der Möbel kümmern. Lediglich sein Arbeitsplatz musste am angestammten Platz bleiben. Er war ideal dafür. Und überhaupt sollte alles idealer sein als bislang; seinen Bedürfnissen entsprechend. Johnny trank einen Schluck und begann, das Sofa dort zu positionieren, wo vorher die Ösen in der Wand waren. Besser. Von dort sah man direkt auf die Anlage und konnte den Plattenteller beobachten. Auch die Boxen waren so perfekt positioniert. An die Stelle, wo vorher das Sofa stand stellte er das Regal, dass er vor Jahren extra für schwere Bildbände angschafft hatte. Mit dem Einräumen wollte er sich Zeit lassen. Es sollte eine gewisse Ordnung haben, aber auch nicht wirken, wie in einer verstaubten Bibliothek. Johnny kam erstaunlich schnell voran. So viele Dinge waren es dann wohl doch nicht, die es zu positionieren galt. Um das, was weg musste, würde er sich in den nächsten Tagen kümmern. So viele Anekdoten, die sich durch die eine oder andere Hand in seinem Raum manifestiert hatten, jedoch kein Recht besaßen, noch zu sein. Später. Der Kaffee war kalt geworden. Johnny fühlte sich lebendig und tot zugleich. Lebendig im neuen Raum, kalt in sich. Ein Gefühl der Leere überkam ihn. Er musste raus. Die neue Ordnung überforderte ihn. Er musste neu beginnen; schon wieder.
Draußen war es noch recht angenehm. Johnny hatte eine leichte Jacke übergeworfen. Dazu eine Jeans, Sneaker und ein etwas dickeres Hemd. Er hatte keine Lust, später zu frieren, wollte aber auch nicht übertreiben. An Kleidung mangelte es ja nicht und Johnny schüttelte beim Gedanken an sein Repertoire unwillig mit dem Kopf. Auch zuviel, viel zu viel. Fast automatisch nahm er den kurzen Weg in die Bar, in der er Ida kennengelernt hatte und ging hinein. Das Publikum hatte sich verändert und Ida war nicht da. Johnny atmete erleichtert auf. Auch sie würde er nur noch als Gesprächspartnerin dulden. Ihr Zusammensein war zwar nur eine kurze Episode. Kompromisse durfte es aber dennoch nicht geben. Sie würde es verstehen müssen.
Die Bar war vollständig besetzt. Nur an einem kleinen runden Stehtisch war noch Platz. Johnny war es egal. Er blickte zum Wirt, der ihn lächelnd ansah. »Einen Whisky bitte.« »Wie neulich?« »Ja, aber nur den Drink.« Er nickte ihm lachend zu. »Kommt. Kommt.« Johnny drehte sich wieder um und sah über den Tisch hinweg durch das Fenster. Die Straße war leer. Das gefiel ihm. Nichts, was ihn irgendwie animieren würde, noch weiterzuziehen. »Ist hier noch frei?« Zwei Typen standen neben ihm. »Ja, nur zu.« Johnny nickte ihnen zu. »Ich bin Jan. Das ist Stefan.« »Johnny. Hey.« »Bist du neu hier?« Johnny lachte. Das war auch Idas erste Frage. »Nicht mehr ganz. Ich war neulich schon hier; wohne nicht weit weg.« »Ah ok. Ja, ganz coole Gegend. Ruhig und trotzdem mitten drin.«, meinte Jan. Stefan nickte. Stefan nickte überhaupt recht viel. »Warste auch im Stadion?« Jan sah Johnny fragend an. »Nein. Was war da? Welche Band hat gespielt?« Jan verdrehte die Augen. »Man ey. Hertha. Keine Band.« Johnny wurde bewusst, dass seine neuen Gesprächspartner genau den Sport bevorzugten, mit dem er überhaupt nichts anfangen konnte. Panik kam in ihm hoch. Würde sich das Gespräch jetzt über die Bank, Abstiegsrisiken und Trainer-Rausschmisse drehen? »Stefan hätte fast auf die Fresse gekriegt.« Jan lachte.
Johnny sah Stefan an, verstand es irgendwo und beruhigte sich mit dem Gedanken daran, dass es wohl doch nicht um Spieltaktik gehen würde. »Bin grad noch so aus der Schusslinie.« Stefan nickte. »Glück gehabt, oder?« Stefan riss die Augen auf. »Glück? Die hätte ich alle gemacht.« Jan verdrehte die Augen. Johnny sah Stefan ungläubig an. Etwas übergewichtig, Brille, unsteter Blick, schütteres Haar. Nein; dachte Johnny bei sich. Du wirkst nicht nur wie ein Opfer. Stefan sah sich um und erblickte den Wirt. »Zwei Helle bitte.« Der Angesprochene nickte. »Kommt, kommt.« »Und was machste so? Ich mein beruflich.« Johnny sah Jan an. »Agentur-Job.« »Wat? Ich meine, was für einen Beruf?« Es würde schwierig werden. Geduldig erklärte Johnny ihm, womit er seine Zeit verbrachte, um sein Leben zu finanzieren. Zwischendurch kam ab und an ein »Aha« und ein »Dafür gibts Geld?« Johnny kommentierte die Einwürfe nicht weiter. Stefan nickte und sagte nichts. Das einzige Lebenszeichen war, dass er das Bier entgegennahm und ab und an seine Brille hochschob.
Johnny hatte seinen ersten Whisky hinter sich gebracht und bestellte nach. »Das Gleiche nochmal?« »Willst du nicht einen anderen probieren? Ich hätte da was.« »Ja, why not? Überrasch mich.« »Kommt, kommt.« Die Tür ging auf und zwei Frauen kamen herein; Marie und Ella. Sie hatten sich offenbar Mühe gegeben, einen gewissen Eindruck zu erzeugen – zumindest bei einer gewissen Art Mann. Der Rest hätte gewarnt sein müssen. Johnny war es, Stefan nicht, dessen Augäpfel gegen die Gläser des Kassengestells sprangen. »Hi, ihr zwei.« Johnny wollte instinktiv durchs Fenster springen, besann sich aber. »Hi Johnny.« Marie sprach ihn gekünstelt herablassend an. Ella beschränkte sich auf ein wortloses Nicken in seine Richtung. Während Johnny noch überlegte, wie ein Gespräch zu vermeiden sei, gingen Marie und Ella zur Theke herüber, wo man ihnen Platz machte. Was für Trottel, dachte Johnny bei sich. Stefan sah ihn an und begann, nervös zu zwinkern. »Woher kennst du die? Sind ja super.« Johnny verkniff es sich, zu lachen. »Mit Marie hatte ich mal was. Kluger Kopf und obendrein sehr attraktiv, wie man ja sieht.« Stefan schob sich die Brille hoch und nickte. Jan bemühte sich, die Entwicklung vollumfänglich zu ignorieren. »Was denn nun? Bier ist alle.« »Dann bestell doch nach.«, herrschte Stefan ihn erstaunlich grob an. »Zwee Bier. Kleene.« Johnny fiel wieder ein, wo er war. »Kommt, kommt.« Stefan versuchte, Marie und Ella möglichst unauffällig zu beobachten, was natürlich scheiterte. Fast hätte man das Knirschen in seiner Halswirbelsäule hören können. Ein Mensch ist keine Eule.
Als Stefan auffiel, dass seine Vorsicht vergeblich war, grinste er schmallippig zur Theke und nickte. Offenbar war ihm nicht bewusst, dass er sich geradewegs in die Todeszone weiblicher Rachsucht begeben hatte. Als Marie rücknickte und dabei betont offen lächelte, wurde Johnny klar, dass er noch mehr Whisky benötigen würde, um ruhig bleiben zu können. Marie kam herüber. Ella blieb an der Theke und unterhielt sich mit einem anderen Gast. »Gefällt sie dir?« Ohne Johnny zu beachten, sprach sie Stefan direkt an. Jan schüttelte unwillig mit dem Kopf. »Ha, ja. Sie ist wirklich hübsch. Aber du auch.« Opfer, dachte Johnny. So reden Opfer. »Danke. Das ist lieb von dir.« In Johnny krampfte sich alles zusammen. Was sollte dieses Theater? »Marie. Alles ok soweit?« Die Antwort kam prompt; ungefähr -200 ° kalt. »Sollte es nicht? Hi Johnny übrigens.« »Na dann. Fein.« »Habt ihr was? Alles ok?« Johnny dachte kurz daran, Stefan das Nasenbein zu zertrümmern, verwarf den Gedanken aber wieder. Der Whisky hier war gut und er wollte kein Hausverbot riskieren. Also ignorieren und das Gespräch mit Jan suchen. Immerhin ein Ausweg.
Jan und Johnny begannen, über den Kiez und seine Bewohner zu reden. Die Unterhaltung, die sich zuerst zog, entpuppte sich als durchaus unterhaltsam. Einiges kam Johnny bekannt vor. Einiges war ihm gänzlich neu und auch die andere Sicht auf die Dinge verschaffte ihm durchaus interessante Einblicke in die Welt um ihn herum. Johnny bemühte sich, zuzuhören und Jan nicht mit Fragen zu unterbrechen. Er antwortete nur, wenn er aufgefordert wurde, um den Informationsfluss nicht zu stören. Zudem eignete sich das Gespräch gut, Marie und Stefan auszublenden, von denen nur ab und an Sprachfetzen durchkamen, durchbrochen von einem sonderbar aufgesetzten Lachen. Stefan versuchte offenbar, den Entertainer zu geben. Johnny wischte das Bild zur Seite und bestellte sich noch einen Whisky. »Mir noch n Hellet, Chef.«, kam es von Jan in Richtung Theke. »Kommt, kommt.« Jan und Johnny redeten weiter. Stefan lachte dumm dazwischen und mühte sich weiter damit ab, Marie zu beieindrucken.
»Soll ich Ella rüberbitten?« »Wollen wir nicht weiter reden?« Stefan wirkte leicht verunsichert. »Doch klar. Aber vielleicht möchte Ella ja mitmachen.« Stefan schluckte. »Aber ja klar.«, beeilte er sich. »Sie soll ruhig rüberkommen.« Marie lächelte Stefan an, während sie Johnny gedanklich ins Gesicht spuckte. »Ella, Schatz.« Ella drehte sich herüber. »Was ist?« »Hey; komm doch zu uns. Ich möchte dir Stefan vorstellen.« Ella verabschiedete sich von ihrem bisherigen Gesprächspartner und gesellte sich zu Stefan und Marie. »Hi, ich bin Ella. Du bist also Stefan.« Stefans Brille verlangte nach Support. Während ihn Jan kopfschüttelnd ansah, schob er sie hoch. »Kennt ihr euch schon lange? Also du und Marie.« Ella lachte. »Aber ja. Sogar ziemlich gut.« Dabei tippte sie Marie leicht auf die Schulter und zwinkerte ihr zu. Stefan, dem das nicht verborgen beblieben war, schluckte. »Wollen wir noch was trinken? Ich geb' einen aus.« Marie und Ella sahen sich an. »Aber ja. Gerne. Wir gehen uns nur kurz nach hinten. Ein Martini wäre toll. Perfect bitte.« Stefan bemühte sich, ein möglichst gönnerhaftes »Wird gemacht.« herauszubringen. Es gelang nicht ganz. Marie und Ella gingen kichernd in Richtung WC.
»Sie hat die ganze Zeit mit mir geredet. Sie ...« Stefan drängte sich aufgeregt zwischen Johnny und Jan. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und er zitterte leicht. Die verdammte Brille rutschte schon wieder. »Nu fang dich ma wieder ein.« Jan sah ihn an. »Warum solln se denn nich mit dir reden? Is doch normal. Dit is ne Kneipe.« Stefan krallte sich mit den Fingern am Tisch fest und Johnny dachte einen Moment, er würde damit durchbohren. »Aber sie. Sie hat mit mir geredet und ihre Freundin ...« »Schön für dich. Und?« Stefans Miene verfinsterte sich. »Neidisch oder was?« »Nee, nich neidisch. Wir warn aber für Bier hier verabredet und nich für Uschis.« Johnny wurde komisch. »Ist doch egal. Ich kenne Marie und Ella. Die wollen sich nur nett unterhalten und das läuft doch gut. Alles easy.« »Das war mehr als nett.«, entfuhr es dem immer schwerer atmenden Stefan. »Du glaubst wohl, sie gehören noch dir?« Johnny sah Stefan direkt an. »Nein. Zudem: Niemand gehört jemandem. Mir nicht, dir auch nicht.« »Das werden wir sehen. Wenn sie zurück sind, ...« Weiter kam er nicht. Unvermittelt sackte er zwischen Jan und Johnny zusammen, die es gerade noch schafften, ihn aufzufangen.
»Komm zu dir, Atze.« Jan schlug Stefan mit der flachen Hand ins Gesicht. Gemeinsam mit Johnny hatte er ihn in der Zwischenzeit in einen Clubsessel verfrachtet. Stefan verdrehte die Augen. »Was soll das?« »Du bist umjeklappt. Ick ruf n Wagen.« »Nein.« Johnny sah zu Stefan herunter. »Jans Vorschlag ist richtig. Du bist umgekippt. Das sollte jemand checken.« Aus dem hinteren Bereich der Bar näherten sich Marie und Ella. »Was ist passiert? Was hat er?« »In Ohnmacht jefalln wegen euch.« Jan lachte. Stefan versuchte, aufzustehen. »Sitzen bleiben.« »Mir fehlt nichts.« »Doch. Hirn.« Johnny sah Marie an. »Er ist wirklich umgekippt. War wohl zu aufregend.« »Danke für die überflüssige Information, Johnny.« Marie und Ella sahen zu Stefan herunter, der farblos im Sessel saß. »Kann passieren. Wir gehen jetzt. Das mit dem Drink holen wir nach, Stefan.«, log Marie. Stefan war unfähig, zu reagieren. »Ciao Jan.« Ohne Johnny weiter zu beachten, gingen sie. Ein lauter werdendes Geheule war zu hören. »Hast du jetzt etwa ...« »Ick hab gesagt, dit wird jecheckt.« Während Stefan final resignierte, bezahlte Johnny seine Drinks. Er hatte genug Whisky und Theater für den Abend gehabt. »Jan, Stefan. Ich bin auch weg. Wir sehen uns.« »Machs jut, mein Bester.« Jan boxte ihm freundlich auf die Schulter. Stefan schwieg. Johnny ging.