Die Nacht war kürzer als die davor, der Schlaf aber tief genug. Johnny fühlte sich ausgeruht. Schon wieder. Der Zustand begann ihm zu gefallen. Er eilte zum Kaffee-Automaten und wählte Cappuccino. Dazu gab es ein Fertig-Croissant. Mehr war nicht da. Besser als nichts. Der Haufen Zeug starrte ihn vorwurfsvoll an, während Johnny sein Frühstück einnahm. Wenigstens ein wenig wollte er ihn heute schrumpfen lassen. Sein Blick wanderte zum Regal. Dort würden Bücher und Platten ihren Platz finden. Es war dafür ausgelegt. Extra verstärkte Stahlböden in einem extrem stabilen Aluminiumrahmen. Beim Gedanken an den damaligen Anschaffungspreis wurde ihm immer noch komisch. Dafür hatte es mehrere Umzüge überlebt. Keine Selbstverständlichkeit. Johnny nahm noch einen Schluck Cappuccino und wandte sich den Platten zu. Sortieren wäre gut. Nur wie? Genre, Label, Alter, Vorlieben, Lebenssituationen? Er entschied sich für eine Grobsortierung in elektronische und irgendwie klassische Musik. Das musste reichen. Es war ohnehin der wichtigste Unterschied. Johnny begann, die Platten in die zweite Ebene des Regals zu stellen; in Griffhöhe. Unten sollten die Bildbände eine neue Heimat finden. Kultur ist schließlich schwer. Nach und nach wanderten die Platten an ihren Platz. »Coil. How to destroy angels.« Eine Weile hatte er ein Faible für Dark Ambient und Industrial. Meditativ und düster. Vor Jahren passte das sehr gut zu ihm. Johnny zog das transparente Vinyl heraus und legte es auf. Die passende Begleitmusik für das hier. Den Untertitel beachtete er nicht weiter. Sexuelle Energie war ihm grad egal. Weitere Platten wanderten in das Regal; relativ sortiert, begleitet von allerlei Hörproben. Nebenbei amüsierte sich Johnny über Tracks, die er zu irgendeiner Zeit mal gut gefunden haben musste.
Es war Mittag geworden und Johnny beschloss, seine Tätigkeit für diesen Tag zu beenden, nachdem er unter der letzten Platte einen Vibrator fand, von dem er wusste, in wem er sein Werk verrichtet hatte. Er würde ihn ihr schicken, dachte er zumindest. Auf eine sonderbar sentimentale Art verärgert, ging Johnny ins Schlafzimmer, um sich endlich vollständig anzukleiden. Sein Blick fiel auf die Matratze. Sie musste auch weg. Johnny wurde bewusst, dass sie mit Marie durchwirkt war. Ihre seltenen Zusammenkünfte bei ihm endeten mitunter recht feucht. Es hatte ihn nie gestört; ganz im Gegenteil. Das ging nun nicht mehr. Es kam ihm vor, als würde er auf ihr liegen, wenn er zu Bett ging. Als würde sie nach ihm schnappen. Johnny griff zum Smartphone und bestellte eine neue. Lieferzeit drei Tage. Auch das noch. Er würde es durchstehen müssen; ein gewisses Maß an Ignoranz bemühen. Fertig angekleidet verließ er das Schlafzimmer und die Wohnung. Draußen schien die Sonne. Johnny setzte sich seine Ray Ban auf und ging los. In diesem Moment fiel ihm auf, dass er eigentlich garkeinen Plan hatte. Hauptsache raus. Es war warm, die Straßen belebt und er beschloss, sich ein Café zu suchen, um Passanten zu beobachten. Allerdings in einer anderen als der gewohnten Laufrichtung. Marie zu beobachten, würde keinen Sinn mehr ergeben.
Johnny fand ein kleines Café an der Ecke zur Haupteinkaufsstraße, die gerade ihren größten Ansturm erlebte. Um die Mittagszeit war das immer so. Zum normalen Aufkommen gesellten sich die Menschen aus den Büros, die dort ihre Pause zelebrierten, sich den neuesten Tratsch und ihre Erfolgsgeschichten erzählten. Entsprechend voll war es. An einer Bank waren noch Plätze frei. Lediglich eine jüngere Frau saß dort; in ein Buch vertieft. »Hey. Darf ich?« Johnny setzte die Brille ab und lächelte sie an. »Aber gern. Bitte.« Johnny setzte sich und wartete auf die Bedienung. »Worauf wartest du?« Johnny blickte sie fragend an. »Darauf, etwas bestellen zu können.« »Tja. Self-Service. Ich halte den Platz frei. Geh ruhig.« Johnny bedankte sich, ging hinein und bestellte sich einen Americano. »Gleich mitnehmen?« »Ja, gern.« Mit seinem Kaffee samt vermutlich zu trockenem Keks setzte sich Johnny wieder an den Tisch, um mit seinem Vorhaben zu beginnen.
Neben einer Vielzahl belangloser Alltagsmenschen erfreute ihn die Stadt immer wieder mit Individuen, die stilsicher aus der Reihe tanzten. Ihm war es dabei gleich, ob sie durch eine gewisse Dekadenz auf sich aufmerksam machten oder mit jedem heute und zukünftig bekannten Stil brachen. Ihm behagte der Gedanke, dass die Stadt vielfältigem Individualismus soviel Raum ließ wie dem Profanen auch. Beides hatte seine Berechtigung. »Gehst du heute ins Flowers? Da ist es nett.« Johnny schrak aus seinen Gedanken auf. »Meinst du mich?« Plakativ blickte sie zur Seite und lachte. »Siehst du außer dir sonst noch jemanden? Ach. Jenny. Und du?« Johnny fühlte sich überrumpelt, was so oft nicht vorkam. »Äh. Johnny. Freut mich, Jenny. Was ist das Flowers für ein Laden?« »Wirst du sehen. Bis dann. Bye. Ach ja. Falls ich später komme - Finger weg von den Barracudas.« Jenny stand auf, lächelte ihn noch kurz an und ging. Sie ließ ihm keine Zeit für weitere Fragen. Johnny sah ihr nach und war irgendwas zwischen amüsiert und beeindruckt. Sie wirkte athletisch elegant, als sie sich entfernte. Ihre Kleidung, die er vorher nicht beachtet hatte, war fast neutral gehalten. Nichts war aufdringlich, allerdings auch nicht gewöhnlich. Johnny nahm sich vor, der Einladung Folge zu leisten.
Johnny ging ins Café und zahlte. Die Begegnung mit Jenny hatte ihn vollständig aus seiner Grübelei gerissen. Selbst Gedanken an Marie kamen nicht auf, jetzt allerdings meldeten sie sich wieder zurück. Ihr damaliges Kennenlernen drängte sich in sein Gehirn. Er war in einer seiner Trennungsphasen. Die damalige Beziehung war am Ende angelangt. Es war wie so oft. Zwei Menschen, die beide einsam und enttäuscht durch ihr Leben gingen, lernten sich kennen, spendeten sich Trost und fanden zueinander; glaubten sie jedenfalls. Darauf folgten ein paar Jahre, denen Johnny auch heute noch einen hohen Wert beimaß. Sie harmonierten menschlich gut miteinander und glaubten, dass es halten würde.
Dabei vermieden sie aufmerksam jeden Fehler, die sie in der Vergangenheit gemacht hatten; dachten sie. Sie engten sich nicht ein, ließen sich Freiräume und nutzten einander nie aus oder logen sich an. Und dennoch gelang es ihnen nicht, sich gegenseitig zu beflügeln und ihre Beziehung aufrecht und lebendig zu halten. Zu unterschiedlich waren ihre wirklichen Interessen, zu stark Johnnys Reizhunger, zu intensiv die Genügsamkeit auf der anderen Seite. Das, was diese Beziehung erst ermöglicht hatte, stand ihr am Ende im Weg. Sie entfernten sich immer weiter voneinander und begannen schleichend, eine Wohngemeinschaft mit gelegentlichem Sex zu führen. Als auch dieser letzte Faden riss, gab es kein Zurück mehr.
In dieser Phase lernte er Marie kennen; wie damals bereits üblich, über ein Portal. Anfangs begegneten sie sich rein inhaltlich und tauschten intensiv Gedanken aus. Johnny war damit zufrieden, denn genau das fehlte ihm. Körperlich war er ohnehin desillusioniert und nichts lag ihm ferner, als eine Affäre zu beginnen. Dann kam die Einladung, sie zu besuchen. Bei Johnny schrillten alle Alarmglocken. Er beschloss einzuwilligen, allerdings eine langjährige Freundin mitzunehmen, die ohnehin wieder in die Stadt wollte, um einen ihrer Lover zu besuchen. Rückblickend war es fast schon absurd. Der Abend endete in Maries Wohnung. Nach langen Gesprächen mit viel Neckerei, landeten sie zu dritt im Bett und redeten weiter, während sie in Löffelchenstellung nebeneinander lagen wie Kleinkinder. Johnny lag in der Mitte, während Marie ihren Hintern an ihn presste und er von hinten umschlungen wurde. Dann schliefen sie leergeredet ein.
Am nächsten Tag fuhr Johnny zurück. Am Abend saßen sie gemeinsam auf dem Bett. Er erzählte von seinem Erlebnis und dass es ihm gezeigt hatte, dass ihre Zeit als Paar vorbei wäre. Es folgte keine Wut, kein Geschrei – nichts von dem, was er ihr zugestanden hätte. Völlig überraschend machte sie ihm das Angebot, Marie zu akzeptieren. Sie wäre weit genug weg und hätte nichts mit ihrer beider Beziehung zu tun. Johnny zog nur kurz in Erwägung, das anzunehmen. Er glaubte ihr. Schließlich kannten sie sich gut genug. Er kannte aber auch sich und ihm war klar, dass er sich vollständig auf Marie konzentrieren würde, sollte es soweit kommen. Und so verneinte er. Nach diesem Tag lebte sie noch eine Weile in der gemeinsamen Wohnung. Johnny indes fuhr immer öfter in die Stadt und blieb am Ende ganz.
Es war Abend geworden und Johnny ging durch die Stadt. Er hatte noch ein paar Kleinigkeiten besorgt, von denen er meinte, sie für das Update seiner Bleibe zu benötigen. Jetzt geriet er unter Zeitdruck. Er wollte noch ins Bad und sich umziehen. Hinzu kam, dass er keine Ahnung hatte, wo sich das Flowers befand und was ihn dort erwarten würde. Also beeilte er sich. Angekommen, stellte er die Tüte mit seinen Erwerbungen achtlos in die Ecke und eilte ins Bad. Die Dusche tat gut, erfrischte ihn und der Staub der Stadt verschwand im Ablauf. Die Wahl der Kleidung war einfach. Er trug das, was er in solchen Fällen stets bevorzugte; schwarzes Zeug. Die Website des Clubs klärte ihn darüber auf, dass er vollständig händisch ausgemalt war und die Anlage speziell auf 70er ausgelegt war. Man hatte sie exakt dafür berechnet und bauen lassen. Johnny gefiel das. Diesen musikalischen Jahrgang hatte er bislang weitgehend vernachlässigt und er war gespannt, welch bislang ungehörten Stücke er entdecken würde. Und dann war da ja noch Jenny. Er wollte sie näher kennenlernen. Nicht zu nah. Nur ein wenig. Ihre offensive Art, die nichts Vulgäres hatte, machte ihn neugierig.
Johnny erreichte das Flowers gegen 21 Uhr. Sie hatten gerade geöffnet und er war einer der ersten Gäste. Jenny war nicht zu sehen und so hatte er Zeit, sich den Laden genauer anzusehen. In diesem Moment brüllte die Anlage los. Johnny erschrak. Er kannte den Track: »Sonar - Bad Man«. Das hatte nun wahrlich nichts mit den 70ern zu tun. Johnny ging weiter nach hinten bis zum DJ-Pult. Dahinter stand Jenny und grinste ihn an.