Die Location war seltsam. Er stand in der Schlange vor der Tür und betrachtete die halb abgebaute Leuchtreklame an der Fassade. »Danc« war dort noch zu lesen. Neben einer Lücke die Reste eines Neon-Cocktailglases, wie man es kennt. Zum Glück funktionierte der Einlass und Johnny gelang bereits nach zehn Minunten hinein. Sein Verdacht erhärtete sich. Vor Jahren muss es sich um eine recht schicke Table-Dance-Bar gehandelt haben. Das war an der Einrichtung unschwer zu erkennen. Neben den üblichen Stangen gab es auch eine Drehbühne. Johnny gefiel dieser irgendwie morbide Charme. Der Raum hatte bessere Tage gesehen und doch schwebte noch ein wenig Vergangenheit diffus im Raum. Vor einigen Jahren war er mit Marie in einer derartigen Bar gewesen; an ihrem ersten Abend. Sie hatten sich ein Mädchen ausgeguckt und sie tanzen lassen. Später waren sie zu dritt in den Backstage-Bereich gegangen und Marie hatte sich von ihr lecken lassen. Johnny genoss die durchaus trashige Situation damals, machte allerdings nicht mit. Ihm gefiel das Schauspiel und beschränkte sich auf die Zuschauerrolle, was Marie ihm später noch übelnehmen sollte.

Langsam füllte sich die ehemalige Bar immer weiter. Wie sich später noch herausstellen sollte, hatten die Betreiber eines Portals diese gemietet; gerade noch rechtzeitig vor ihrem finalen Ende. »Hi Johnny.« Sabine hatte sich angeschlichen und blickte ihn auf ihre übliche recht harte Art von der Seite an. Jeden hätte es beunruhigt und das nicht grundlos. Ihr Job war es, Männern ein gewisses Maß an Gehorsam beizubringen. Nach vielen Jahren im Geschäft war sie allerdings derart angewidert von Männern, dass ihr Verhalten zuweilen grenzwertige Züge annahm. »Hi Hase.« Johnny nickte ihr zu. »Wie geht es dir?« »Beschissen.« Johnny fragte nicht weiter nach, warum. Er wusste es. Sie litt seit vielen Jahren an einer Autoimmun-Erkrankung, die ihr irgendwann das Genick brechen würde. Es war alles gesagt. Hätte sie reden wollen, hätte sie es getan. »Tut mir leid, aber es wird scheiße heute.« Johnny lachte. »Ach, doch so schlecht?« »Ja. Guck dir die Leute doch an. Alle suchen, finden wird niemand, weil sie garnicht wirklich wissen, was. Opfer.« 

Auf der Drehscheibe hatte sich ein Typ niedergelassen. Er trug ein knielanges Kleid und dazu Püppchen-Schuhe. Ein wenig wirkte er wie ein dickliches Mädchen, dass unartig in der Schule war und jetzt auf eine gerechte Strafe warten würde. Vermutlich war genau das sein Anliegen. Nach wenigen Minuten begann sich die Scheibe tatsächlich zu drehen und Püppchen-Schuh kam in Fahrt. Begleitet von einem Blick in die Runde schob er sich sein Kleidchen hoch und präsentierte seinen Hintern. Als ob das noch nicht gereicht hätte, begann er, sich selbst den Mittelfinger in den Anus zu stecken. Dann flog etwas auf ihn. Sabine lachte. »Guck mal. Da oben steht Chris.« Johnny sah hoch. Da stand er tatsächlich. Chris, mit dem er das größte denkbare Versagen erlebt hatte. Und wieder flog etwas. Johnny versuchte zu erspähen, was von dort auf Püppchen-Schuh niederging. Ein Blick auf den Drehteller schaffte Klarheit: Käsewürfel. Chris zielte erneut, Püppchen-Schuh steckte sich erneut den Finger in den Arsch und bekam nichts davon mit. »Der hat sie doch nicht mehr alle beieinander.« Sabine schüttelte mit dem Kopf. »Wer? Chris? Das ist doch keine Neuigkeit.« »Nein. Der doch nicht. Wobei. Doch. Der auch. Ich meine aber die Stute da.« Charmant wie immer, dachte Johnny bei sich. »Was ist?« Johnny drehte sich um. »Ich will das da nicht sehen.« »Versteh ich. Der ist gleich fertig und zieht ab. Keine Bange.« »Du kennst den?« »Ja, ein Kunde.« Johnny sah sie fragend an. »Nein, der ist nicht schwul. Er ist einfach nur dumm und devot.« »Du magst ihn nicht, stimmts?« Die Frage war eigentlich überflüssig. Sabine mochte ihre Kunden grundsätzlich nicht. »Dieses kleine Arschloch hat auf mein Parkett gespritzt. Stell dir das mal vor.« Johnny lachte laut los. »Du musst so gut gewesen sein, Sabinchen.« »Aber ja doch. Ich habe es ihn auflecken lassen und jetzt nerv du mich nicht auch noch.« Johnny grinste. Sabine auch.

Wie angekündigt, gab Püppchen-Schuh die Bühne frei. Ob es an den Käsewürfeln lag, die auf ihn herabregneten, wird eine dieser unbeantworteten Fragen bleiben. Wichtig war nur, dass er ging. Dafür kam Chris. »Johnny. Schön, dich zu sehen.« »Hi Chris. Gefiel dir die Show nicht?« Chris sah ihn fassungslos an. »Was ist mit dir los? Natürlich nicht. Ich hätte auch gern mit Flaschen geworfen, durfte aber nicht.« Sabine sah ihn an. »Na, Idiot.« »Ich hab dich auch lieb. Gleich kommt Rachel. Klammer?« Chris hielt ihr eine Klammer hin und Sabine zog die Augenbrauen hoch. »Dein Ernst? Ich soll jetzt Wäsche machen? Bist du neuerdings lebensmüde?« »Nee - für Rachel. Also nur, falls du Lust hast.« »Lass mich mit deiner Pissflitsche in Ruhe.« Johnny presste die Lippen zusammen. Jetzt bloß nicht kommentieren. Immer daran denken; hier ist Ruhrgebiet. Sabine wusste genau, was er dachte, sagte aber nichts. Dann kam Rachel und hockte sich nackt auf die Drehscheibe. Chris nickte ihr zu und Johnny dachte darüber nach, wie lange er sie wohl bearbeitet hatte, sich für diese Ego-Show herzugeben. Es kam, wie es kommen musste. Chris schob aufgedreht ab und beobachtete Rachel auf der Drehscheibe. Nach und nach kamen Männer und Frauen auf sie zu und setzten die Klammern, die Chris vorher großzügig verteilt hatte. »Er war, ist und bleibt ein Idiot. Ich mag ihn trotzdem.« Sabine stupste Johnny an. »Auch mal?« »Keine Lust. Chris und ich an einer Frau - das geht nicht gut.« Sabine fing schallend an zu lachen und in diesem Moment wurde Johnny klar, dass er geredet hatte. Auch das  noch.

»Schatz. Was ist denn nun eigentlich mit deiner Marie? Läufts?« Johnny wusste, dass Sabine klar war, dass dem nicht so war. »Das weißt du genau. Was meinst du, warum ich hier bin?« »Lass sie gehen. Es ist nur Fleisch. Es kommen andere.« Johnny blickte sie an. »Kann ich nicht.« »Was kannst du nicht?« »Sie gehen lassen. Ich fürchte, ich liebe sie. Da ist mehr als sonst. Ich will nicht nur haben.« Sabine sah ihn an. »Dann wirst du untergehen. Einfach, weil sie das will.« »Was will sie?« »Haben. Dich. Alles. Und wenn sie das bekommen hat, sucht sie sich neues Fleisch, du Idiot.«

Neben Johnny und Sabine krabbelten zwei Mädchen am Halsband den Gang entlang. »Das da macht sie mit dir, wenn du nicht aufpasst. So bist du doch aber nicht.« Johnny nickte. »Ich weiß aber nicht, wie ...« »Du weißt es ganz genau. Sie ist dir längst entglitten. Sie ist nur noch da, weil es bequem ist.« Johnny sah sich um. Die Location war immer noch gut gefüllt mit Menschen, die sich selbst überrissen hatten, die sich permanent selbst überforderten, um einer Konstruktion gerecht zu werden; aus purer Angst, etwas nicht erlebt zu haben. Hatte Sabine vielleicht Recht? War es mit Marie auch so und er nur ein Gehilfe für eine Etappe? »Komm. Lass uns was trinken und keine Widerworte.« Sabine zog ihn an die Bar. »Zwei Martini. Perfect bitte.« Schweigend nahmen sie die Drinks zu sich. »Wir werden uns vielleicht nicht wiedersehen. Das hier ist ein Abschied. Und bitte; ich mag dich und meine es gut.« Johnny sah sie an. Sabine blickte zurück. »Frag einfach nicht. Nimm es so hin. Cheers.« Johnny schwieg. Fragen erübrigten sich ohnehin. Er kannte ihre Geschichte. Jetzt schon? »Du musst.« »Was?« »Ich habe gesagt, du musst. Fahr zurück. Tu mir den Gefallen und klär die Sache.« Johnny nickte und umarmte sie vorsichtig. »Leb wohl, Sabine.« »Und du erst. Bitte.« Johnny ging, ohne sich von Chris und Rachel zu verabschieden, die ohnehin beschäftigt war - und an allen möglichen Stellen mit Klammern versehen. 

Auf der Rückfahrt dachte Johnny viel über Sabine nach. Sie war stets schroff, aber immer grundehrlich zu ihm. Aber Marie gehen lassen? Er war dazu noch nicht bereit. Irgendwann aber würde es soweit kommen. Das wusste er.