Der Verkehr schwoll an, die Fußgängerwege begannen, sich zu bevölkern, in der immer gleichen Art. Marie versuchte, die wirren Träume der letzten Nacht zu verdrängen, von Johnny und Ella, ihrer Ella, der sich Johnny von Zeit zu Zeit bediente, was sie jedes Mal als unfair empfand. Fast hätte sie sich am Kaffee verschluckt, als sie ihn erblickte, wie er unter ihrem Fenster entlang schlenderte. Kaum fasste sie den Gedanken, ihn zu rufen, verwarf sie ihn auch schon wieder und beobachtete nur, wie er um die nächste Ecke verschwand. Dieser Widerling. Schlagartig wurde ihr bewusst, wohin sein Weg ihn führen würde. In Jacks Bookstore, zu Stefanie, die sie abgrundtief verachtete.

Marie spürte die Wut in sich hochkriechen. Wie konnte er an ihrem Haus vorbei gehen, wissend, dass sie ihm geöffnet hätte und diese Person aufsuchen. Mit Schaudern kamen ihr Stefanies Hände in den Sinn, die sie auf Johnnys Weisung hin einst berührt hatten. Diese kleinen Spinnenfinger mit den unförmigen Nägeln und den Hautfetzen und den kleinen Schnitten an den Kuppen, die das Papier dieser stinkenden alten Bücher ihnen beigebracht hatte. Marie hatte stets Wert auf gepflegte Hände gelegt, bei sich und bei anderen. Es war ihr von klein auf unverständlich gewesen, dass es Menschen gab, die ihre Hände nicht pflegten, mit denen sie in Kontakt mit anderen traten. Stefanie hatte bereits in dem Moment verloren, als sie ihr das erste Mal die Hand reichte, die viel zu fest zudrückte, zu demonstrativ. Kleine dünne, ungepflegte Finger, die sich in ihre Hand krallten. Nur unter Mühen hatte sie es sich verkneifen können, ihre Hand abzuwischen. Auch, weil sie Johnny sah, der sie fragend anblickte. Vermutlich hatte er geahnt, wie unangenehm es ihr war. Unwillig schüttelte Marie den Kopf und trank den Rest des Kaffees. Vielleicht war es besser so, dass Johnny vorübergegangen war. Sie hatte sich für diesen Tag einige ihrer Auffassung nach wichtige Dinge vorgenommen. Sollte er sich doch mit Stefanie vergnügen und sich von ihren zerfetzten Fingern betatschen lassen. Marie musste lachen. Sie wusste, dass er sich hinterher ärgern würde und befand es als gut und richtig. Strafe muss sein. Deutlich besser gelaunt schloss sie das Fenster und trug ihre Kaffeetasse in die Küche. 

Schubladengeheimnisse
Marie ließ ein wenig Wasser in die Tasse laufen und stellte sie in das Spülbecken. Dann drehte sie sie sich um und starrte die Schubladen ihre Küchenschrankes an. Widerwillig ging sie auf sie zu und zog sie auf. Ein heilloses Durcheinander offenbarte sich ihr. Über ein Jahr hatte sie jeden unwichtigen Krempel, den sie irgendwo erwarb, in die Schubladen geworfen. Jetzt waren sie voll und es war an der Zeit, Ordnung in das Chaos zu bringen. Marie atmete tief ein und griff zu. Mit beiden Händen schaufelte sie Unmengen an einzelnen Löffeln, Eierbechern, Keramikschleifstangen, Schaschlikspießen und Rouladennadeln, Geschenkbandrollen, Eisbeuteln, Buttons und Kühlschrankmagneten aus den Schubladen und legten sie auf dem Tisch ab. Ein gut dreißig Zentimeter hoher Krempelberg war das Ergebnis, auf dessen Spitze ein rosafarbener Eierbecher in der Form eines Gockels thronte. Idiotisch, dachte Marie bei sich und schnippte ihn weg. »Idiot«, entfuhr es ihr. In diesem Moment wurde Marie klar, dass ein Plan her musste, um mit dem vor ihr liegenden Problem klar zu kommen. Ein Ausschlussverfahren, ein System, das zumindest einige der Dinge in den Mülleimer befördern würde. Nutzen, sentimentale Faktoren, Einzigartigkeit, Wert? Marie fühlte sich überfordert und begann, kleine Häufchen zu bilden, die keinen Sinn ergaben, nur kleiner waren - immerhin. Und wieder hatte sie diesen verdammten Sockeleierbecher in der Hand.

Menschendinge
Marie betrachtete die fünf Haufen, die vor jetzt vor ihr auf dem Tisch lagen. Ein Haufen bestand aus Spießen aller Art, einer aus vereinzelten Besteckteilen, einer aus den verschiedensten Utensilien zum Schleifen von Küchenmessern, ein Haufen aus Gefrierbeuteln und einer aus dem Restkrempel. Genervt drehte sie den Gockeleierbecher in der Hand. Ein in Asien billig hergestelltes Ding, dünnwandig und unpraktisch. Der Kopf des blöden Gockels verhinderte stets, das Ei vernünftig köpfen zu können. Manchmal hätte sie ihn am liebsten mit abgeschlagen. Auf dem Tisch stand dieser Eierbecher nur dann für Johnny, wenn er zum Frühstück erschien. Er hatte ihn damals gekauft, während eines seiner üblichen Anfälle. Er kaufte dann immer unsinniges Zeug,  weil er es in dem Moment witzig fand. Diesen Eierbecher und einen zweiten in hellblau hatte er bei ihr gelassen. Wo war der andere Gockel? Marie fiel es nicht ein. Sie hoffte, er wäre einfach zu Staub zerfallen. Könnte dieser das nicht auch tun? Einfach zerfallen? Johnny würde danach fragen. Nicht, weil er ihn wirklich mochte, sondern einfach, weil er ihn erwartete. Vermutlich fand er ihn auch hässlich, aber darum ging es ihm ja nie. Unwillig stellte sie  ihn auf die andere Seite des Tisches. Sie würde sich etwas überlegen müssen. Zum Glück gestaltete sich der Umgang mit den anderen Haufen leichter. Die verschiedenen einzelnen Gefrierbeutel warf sie weg, nur die verschlossenen Packungen fanden den Weg zurück in die Schublade. Die Buttons und Kühlschrankmagnete fanden bis auf ein paar ausgewählte Stücke den Weg in den Mülleimer. Marie fühlte Erleichterung in sich aufsteigen. Das Ankunftsgeräusch der überflüssigen Dinge im Mülleimer ließ sie fast jubeln. Ein Schleifblock für Messer sollte ebenfalls reichen. Die Variante mit den Keramikstangen war zwar teuer und hochwertig - jedoch unpraktisch. Weg damit. Und die Geschenkbandrollen? Abgrundtief hässlich. Weg damit. Marie holte tief Luft und starrte auf den Gockel - feindselig. Idiot, murmelte sie in sich hinein, stand auf, kippte das Wasser aus der Tasse, stellte sie unter die Kaffeemaschine und diese an.

Abgeräumt
Nachdem sie einen Schluck genommen hatte, betrachtete sie ihr Werk. In den tiefen Schubladen befanden sich nur noch wenige Dinge in wohltuender Ordnung. Landhausmöbel hatten gewisse Vorteile. Im Mülleimer hingegen herrschte Chaos. Vorsichtig sah Marie hinein und betrachtete ein letztes Mal den Müll, für den sie in den letzten Jahren bezahlt und den sie nie wirklich gebraucht hatte. Mit zusammengekniffenen Augen sah sie zur Küchentür hinüber und dachte an die Schubladen im Wohnzimmer. Später. Wie wäre eigentlich Stefanie zu entsorgen, durchfuhr es sie. Im Mülleimer wäre noch Platz und mit ein wenig Nachtreten hätte es gepasst. Jetzt bloß nicht an diese Frau denken. Wahrscheinlich würde sich Johnny mit ihr im Hinterzimmer des Bookstores vergnügen, wenn man das als Vergnügen bezeichnen kann. Vielleicht sollte sie Jack anrufen. Nein, zu peinlich. Marie wollte nicht weiter darüber nachdenken. Was er tat, war seine Sache. Solange sie Stefanies Hände nicht ertragen musste, sollte es ihr Recht sein. Das er nach einem Treffen mit ihr leicht deprimiert und an Intimitäten nicht zu denken war - geschenkt. Eigentlich eine ideale Lösung. Sie war von Johnnys sexualisiertem Eskapismus angenervt. Sollte er sich an dieser freakigen Bücherwanze abreagieren und sie in Ruhe lassen. Und frühstücken bräuchte er hier auch nicht mehr, dachte sie und warf den Gockel in den Eimer.