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Zeit kann gnädig sein, lässt man sie verstreichen. Das Bild wird klarer, Dinge werden überdacht. Manche besitzen diese Geduld nicht oder nutzen die ihnen verbleibende Zeit nur, um mit aller Macht zu verharren, um weiter mit ihren alten abgegriffenen Bauklötzchen zu spielen. Wehmütig blicken sie ihr hinterher, bleiben zurück und brüllen aus der Vergangenheit. Da grassieren sie dann, diese Gedanken. Ein störrisches Gebräu aus alten Sehnsüchten und neuen Fehlschlüssen wird aufs Papier gekritzelt, wähnt man sich doch in der Rolle des ewigen Mahners und ganz leise trommelt es immer noch - blechern. Günter Grass, die graue Eminenz deutschen Schwermutes hat ein "Gedicht" geschrieben und die Welt erzittert unter seinen Worten, bejubelt, bäumt sich auf, relativiert, wehrt ab, verdammt. Es ist Zeit, ein Wort über Anerkennung und Missbrauch zu verlieren.
Du fühlst Dich gut? Ja? Die beginnenden warmen Tage lassen Dich frohlocken, Du tankst in der Sonne auf? Wirklich? Das ist ganz toll, erfreulich, superspitzenklasse bis megasensationell, Du Opfer. Es keimt bestimmt schon in Dir, dieses Aufbruchsverlangen, das Dich unweigerlich zum Trottel macht. Gib Dich ihm ruhig hin - Du wirst schon sehen, was Du davon hast.
Nur noch wenige Stunden, dann ist es geschafft. Das Jahr 2011 erfährt den Todesstoß - oder besser den Abschuss durch private Investitionen in Millionenhöhe. Unzählige Raketen und Böller werden es in die ewige Verdammnis schicken. Wie immer also. Und? Während einige sich Gedanken über gute Vorsätze machen, heißes Blei in kaltes Wasser kippen, auf Party-Ärsche starren und sich bis zur Besinnungslosigkeit besaufen, um dann abzublitzen, sind andere in Gedanken schon mitten in der Urlaubsplanung oder lamentieren über die Skandale des vergangenen Jahres. Zukunftsängste aller Art werden vermutlich auch eine Rolle spielen - wie die ach so emotionalen Augenblicke und die unlängst Verschiedenen. Bleibt nur zu hoffen, dass niemand auf die Idee kommt, eine Johannes Heesters Platte aufzulegen.
Viel Zeit hat er uns nicht gelassen, bis er auf den journalistischen Schwingen des ebenfalls immer schon etwas zu eitel wirkenden di Lorenzo mittels der ZEIT wieder das Wort erhielt. »Vorerst gescheitert« ist der Titel eines Interviews, mit dem uns der Chefredakteur der ZEIT kurz vor Weihnachten erfreut. Doch die Kritik muss schon beim Titel beginnen, denn zu Guttenberg ist nicht vorerst gescheitert. Im Gegenteil - sein Scheitern, will man denn unbedingt dieses Wort gebrauchen, ist vollumfänglich und die Lektüre dieses Büchleins ist nicht dazu angetan, das zu korrigieren, ist vielmehr ein finaler Beweis seines Scheiterns. Auch ein neues Outfit und halbherzig vorgetragene Einsichtserklärungen, die im Grunde nichts bedeuten, können die Absurdität seines Handelns nicht auflösen, sie verstärken diese eher und machen es selbst so manch wohlwollendem Betrachter unmöglich, noch ein Mindestmaß an Verständnis zu entwickeln. Zu Guttenberg hat sich selbst auf einen ganz bestimmten Begriff berufen - auf die Ehre. An dieser wollen wir ihn nun messen.
Der 2. Weltkrieg ist seit einigen Jahren vorbei, die Bundesrepublik befindet sich mitten im Wirtschaftsaufschwung. In einem kleinstädtischen Krankenhaus steht eine Frau am Sterbebett ihres geschiedenen Mannes. Sie wollte ihn noch einmal sehen, da es zu diesem Zeitpunkt möglich war, nach all dem Verrat, nach dem Verlassen - bei Kriegsende, während der Flucht, während der sie alleine für ihre Kinder sorgen musste. Jahre später wird sie spöttisch anmerken, dass das letzte, was bei ihm noch funktionierte, ... und noch etwas später, dass Sex für sie nie wichtig gewesen wäre, sie ihn aber hätte machen lassen - weil sie ihn ja schließlich geliebt hatte. Die Verhältnisse waren für weite Teile der Bevölkerung ziemlich klar zu dieser Zeit und Generationen zuvor noch klarer. Ihre Mutter, so erzählte sie einmal, hätte elf Kinder geboren, von denen bis auf drei alle starben. Schneiderin war sie, ausgezehrt von der Arbeit, den Geburten und dem Verlangen ihres Mannes. Selbstbestimmung existierte nicht, nur Ordnung - immer die der Anderen.
Berlin, Friedrichshain - es ist Nacht und die ist bekanntlich nicht zum Schlafen da. So ergibt sich fast zwangsläufig der Wunsch nach Einkehr - wohlgemerkt, nicht innerer. Er lockt, der Szenebezirk mit seinen Clubs und Bars, brüllt tagtäglich seine Originalität wie ein tourettiger Neurotiker sogar über seine Grenzen hinweg und erreichte auch mein Ohr. In gewisser Hinsicht witzig sind die Namen, die wie auf einer nervös flackernden Leuchtreklame in meinem Kopf erscheinen, zwingen zum Hinsehen, aufdringlich, wie sie sind. Da zerrt es mich dann auch in einen dieser Läden, von denen man am Anfang gar nicht so genau weiß, als was man sie bezeichnen soll. Der Name ist ein wenig anzüglich, der erste Blick bereits verheißt nichts Gutes.
Herbstzeit - Analogzeit - eine gute Gelegenheit, das fotografische Leben durch den Einsatz klassischer Werkzeuge zu entschleunigen.
Etliche Morde an Bürgern der Bundesrepublik Deutschland, Banküberfälle und vermutlich noch weitere Straftaten schockieren das Land zu Recht. Über Jahre war es ruhig um das rechtsradikale Millieu. Und hier beginnt die Lebenslüge, denn wirklich ruhig war es nie. Das lässt sich leicht belegen, wirft man einen Blick auf die Organisationen, die in den letzten zehn Jahren verboten wurden oder unter Beobachtung stehen - von Ruhe keine Spur. Das rechtsradikale Millieu in Deutschland ist gut organisiert und gerade in Ostdeutschland nahezu flächendeckend aufgestellt. Mit welcher Intensität diese Gruppen und Parteien »ihr Gebiet« vereinnahmen, zeigte sich auch während vergangener Wahlen vor allem im ländlichen Raum. Angesichts dieser Situation muss man sich generell die Frage stellen, was in diesem Land falsch läuft. Sich jedoch nur auf die aktuellen Vorkommnisse zu fokussieren, ist falsch, denn es geht um Grundsätzliches, um jahrelange Fehlentwicklungen und letztlich auch um die Frage der politischen Bildung und um eine Gesellschaft, die nicht nur ein schwieriges Erbe sondern auch ein massives Mentalitätsproblem mit sich trägt.
Zuweilen neige ich dazu, Vorgänge erst spät zu kommentieren, was durchaus an ihrer Peinlichkeit liegt. Eigentlich wollte ich es in diesem Fall gar nicht, doch zuckt es spätestens nach der Lektüre diverser Wortmeldungen derart in meinen Fingern, dass ich nicht anders kann, was man mir hoffentlich verzeihen möge. Derzeit stehen zwei Protagonisten des berliner Medienlebens im Mittelpunkt, die man beide wohl als echte »Rampensäue« bezeichnen kann. Die selbsternannten »Aufklärer der Menschheit« Ken Jebsen und Hendryk M. Broder. Beide suchen die Öffentlichkeit, werden dafür honoriert und unterhalten ihre jeweiligen Zielgruppen mit teilweise unhaltbaren und undifferenzierten Darbietungen, allerdings auch mit durchaus überdenkenswerten Sichtweisen. Jetzt sind sie öffentlich aneinander geraten.
Der Wolf wandert wie kaum ein zweites Tier durch die Mythen der Welt, meist als negative Figur - bösartig, verschlagen und gefährlich. Er erscheint jedoch auch als verwandelter Gott, als heiliges Tier und letztlich als Verkörperung der animalischen und triebgesteuerten Seite des Menschen, der kein Mensch sein will, der menschenscheu ist. Die Darstellung des Wolfes ist dabei so vielgestaltig wie die Sicht des Menschen auf sich selbst. Und dieser Mensch? Er wankt zwischen Angst und Verherrlichung, zwischen Annahme und Abscheu. Dabei ist er dem Wolf bis heute näher, als er gemeinhin annimmt - und das ist kein Kompliment für ihn, den Menschen. Es ist eher ein Beleg für das Törichte und Rückständige, was ihm inne wohnt.
Analoger Abriss - Berlin Bellevue, November 2011.
Nun ist es also soweit. Die bundesrepublikanische Medienwelt, vertreten durch den Burda-Verlag, hat ihren Integrations-Dummy gewählt und mit einer immer noch albern aussehenden Trophäe beschenkt. Dabei griff man strategisch klug auf einen Vertreter des Kartoffel-Rap zurück, der sich allzu gern abBILDen und instrumentalisieren lässt - Bushido. Die Reaktionen auf diese Wahl waren vorhersehbar und wohl auch beabsichtigt, konnte doch so ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit sichergestellt werden. Das wird auch Bushido gefallen haben - gerade jetzt, wo sein Gemeinschaftsprojekt mit Sido in den CD-Regalen auf infantile Käuferschichten wartet. So lamentiert denn auch die gesamte Bloggergemeinde in hübscher Gemeinschaft mit den »Schlagerfuzzis« von Rosenstolz über diesen im Grunde uninteressanten Vorgang.
Johnny traf Anja am Rand der Wiese. Dort, wo unzählige Kleinfamilien oder Teile davon entlang flanierten, standen sie und suchten nach einem geeigneten Plätzchen für einen netten Nachmittags-Joint. Ein wenig am Rand des Geschehens sollte es sein, doch auch nicht zu abgeschieden. Sie wussten beide, dass ihnen sonst zu viel entgehen würde.
Der Mensch imaginiert oft und gerne, ein Drittel tut das sogar automatisch. In der Psychotherapie nutzt man diese Erkenntnis auf vielfältige Art und Weise - zum Wohle des Klienten. Die positive Macht der inneren Bilder wird bemüht. Nun geht es in der Politik ebenfalls oft darum, sie in Bildern zu präsentieren - allerdings nicht immer zum Vorteil des Bürgers. In der Hoffnung auf Vorurteilsannahme werden Bilder produziert, wo immer es geht. Sie werden allerdings missbraucht, nicht genutzt, um Möglichkeiten aufzuzeigen, sondern dienen der Verschleierung, Beängstigung und letztlich der Steuerung. Umso wichtiger ist es, diese Bilder zu sezieren, sie ggf. zu zerstören. Dieser Prozess scheint derzeit einzusetzen, was ein gutes Zeichen ist - nur nicht für die Berliner Republik, wie wir sie kennen.
... das Laub. Da hebt man es dann schon mal auf, weniger aus Mitleid, mehr aus Interesse am Verfall und Wandel. Metropolenmond wünscht einen erbaulichen Herbst.
Als meine Jugend zu blühen begann - hormonell betrachtet - und sie mich zum Glück damit verschonte, dies auch in meinem Gesicht kenntlich zu machen, kam es zu den ersten Club-Besuchen, wobei man damals noch von Diskotheken sprach. Nun war das im ländlichen Raum kein einfaches Unterfangen und so blieb uns nichts weiter übrig, als den beschwerlichen Weg mit dem Fahrrad auf uns zu nehmen. Zwar hatten wir es stets eilig, doch mühten wir uns, auf keinen Fall zu schwitzen, was die Wegzeit nicht unerheblich verlängerte. Wer wollte schon klatschnass dort ankommen, wo das Weib lockte, dessen Stellenwert im Lauf der vergangenen Jahre eine gewisse Entwicklung durchgemacht hatte. Diese Spezies hatte mein Interesse geweckt. Um genau zu sein: ca. 3 ml meines Interesses. Und dieses wollte ich loswerden - im Wissen, dass der Preis hoch sein würde - meine Würde nämlich, denn es war mir klar, dass ich um des Erfolges und meines Interesses Willen zu Zugeständnissen bereit sein musste.
Ich könnte es kurz machen und schreiben, dass die Herrschaft der »Märkte« funktioniert, weil es sich beim Menschen an und für sich um einen tumben Idioten handelt - und zwar gänzlich unabhängig von seinen vordergründigen intellektuellen Fähigkeiten. Eine derartige Antwort würde natürlich denen entsprechen, die wir tagtäglich auf unsere Fragen nach Lösungen bekommen. Allerdings ist dies genau die Spur, auf der wir bleiben sollten, denn die sogenannten »Märkte« herrschen nur aus diesem einzigen Grund. Sie tun es nicht, weil sie unersetzlich sind, nicht aus einer Zwangsläufigkeit heraus, weil es ohne sie in dieser Form nicht ginge. Ihr Verdienst ist es aber, uns das Glauben zu machen und unsere Idiotie liegt darin begründet, eben genau dies zu tun: glauben.